Kosmischer Schrecken im SchauSpielHaus Hamburg

Kritik und Analyse einer Inszenierung, die gar nicht wusste, dass sie Lovecraft-Gedankengut verbreitet

Manchmal wird es an ganz unerwarteter Stelle deutlich, warum H.P. Lovecraft der Autor der Stunde ist: Das Projekt „Hamburger Menetekel — ein futurologischer Kongress“ des jungen Regisseurs Ron Zimmering gab Ende Juni Schülerinnen und Schülern aus allen sieben Hamburger Stadtbezirken den Raum, ihrer Angst um die Zukunft Ausdruck zu verleihen. Antibiotikaresistenz, Digitalisierung, unser Verhältnis zu Arbeit, die großen Themen eben. Doch überschattet wurde alles von einem ganz besonderen Thema, vielleicht dem Thema schlechthin: Dem Klimawandel. Unterstützt von Experten, wie Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif zeichneten die Schülerinnen und Schüler eine bittere Version der nicht-allzufernen Zukunft, klagten in Sprechchören die „faulen Säcke“ im Publikum an, die ihnen „diese Scheiße“ eingebrockt hatten und kamen zu einem klaren Fazit: You’re fucked.

© Sinje Hasheider

Zimmering setzte dabei auf eine literarische Referenz, die nicht unspannend ist: Babylon, 543 vor unserer Zeit, eine dekadente Gesellschaft (die Parallele zu heute wird deutlich), auf einem Fest König Belsazars taucht auf einmal der geisterhafte Schriftzug MENE MENE TEKEL UPHARSIN an der Wand auf — keiner seiner Gelehrten versteht dessen Bedeutung. Noch in derselben Nacht dringen persische Soldaten in die Stadt ein, das Weltreich zerfällt. Die Geschichte entstammt der Bibel.

Warum aber nun eine Rezension unter lovecraft’scher Betrachtung? Tatsächlich erzeugt Zimmerings Inszenierung der Anklage der Jugendlichen eine Form des Unbehagens, die dem geneigten Kultisten nur allzu bekannt vorkommen sollte: Eine kosmische Angst macht sich breit. Die Schülerinnen und Schüler sehen sich einer Welt gegenüber, die in ihren Naturgegebenheiten aus den Angeln geworfen wird (allein dadurch, dass es heißer wird), die Kontinente werden sich verändern, das Meer steigen, die Städte untergehen — wo, wenn nicht bei Lovecraft, hat man das schon gelesen? Wenn da davon gesprochen wird, dass fossile Brennstoffe, die in den Tiefen der Erde schlummern, und durch unvorsichtige Menschen entgegen der Warnungen ihrer Gelehrten zu Tage gefördert werden, nur um diese wiederum zu unterwerfen… da ist man schnell bei den Großen Alten.

Auch das unverständliche Brabbeln der Schauspielerin Gala Othero Winter, die als seltsam-clownesk anmutende Moderation durch den Abend führte, erinnerte an die Sprache der Großen Alten: Durch eine völlig neue Anordnung von Begriffen ergab sich eine Sprache, die einerseits völlig fremd und außerirdisch wirkte, andererseits aber eine seltsame Vertrautheit in sich barg.

Das bitterste Moment des Abends war jedoch die Ausweglosigkeit, die die Inszenierung postulierte: Was sollen wir tun? Zwar tauchen viele Vorschläge — teilweise aus dem zur Inszenierung gehörigen Zukunftskongress stammend — auf, wie die Zuschauer ihr Leben und ihre allgemeine Lebenseinstellung ändern könnten (allgemeiner Tenor: Die Welt gehört euch nicht), doch hat man das Gefühl, das alles schon mal gehört zu haben. Hier saßen auch die falschen Adressaten im Publikum, denn die tendenziell links ausgerichtete Zuschauerschaft war sowieso für Umwelt- und Klimaschutz. Die richtigen Mächte, die verantwortlich sind, stecken im System. Natürlich kann jeder einzelne zum Klimaschutz beitragen, doch solange die unsichtbare Hand der Wirtschaft alles lenkt und leitet (ebenfalls in der Inszenierung aufgegriffen), bleiben unsere Bemühen erfolglos. Schließlich blieb diese Frage auch unbeantwortet, was können wir tun. Nichts, you’re fucked. Gegenüber dem Grauen einer verbrannten Erde, so wie sie in Lovecrafts Kurzgeschichte „Nyarlathotep“ geschildert wird, ist man hilflos.

© Sinje Hasheider

Komponist Samuel Penderbayne zeichnet ausgehend von Händels Oratorium „Belshazzar“ eine musikalische Nostalgie einer vergangenen Welt (melancholisch in historischem Kostüm singend: Rosemary Hardy) und entwirft daraus eine „Zukunftsmusik“, die den großen Kompositionen der Science-Fiction-Filmmusik in Nichts nachsteht: Musikalische Assoziationen zu „2001“, „Star Wars“ oder am bitteren Ende ganz besonders „Alien“ unterstreichen den kosmischen Horror.

Genau diese unglaublich bittere Zukunftsvision ist es, die dem Abend seine Kraft verleiht: Zwar lacht das Publikum betreten, doch eher, weil es keinen Ausweg mehr sieht. Eine wirkliche Dystopie. Den einzigen Hoffnungsschimmer liefert der Applaus, der sowohl zwischen den Szenen als auch am Ende durch den Saal schallt. Irgendwo ist da noch Hoffnung, noch haben wir nicht wie Lovecrafts Protagonisten dem Wahnsinn verfallen das Handtuch geworfen.

Doch der Schrecken ist an der Schwelle.

Hamburger Menetekel
Ein futurologischer Kongress von Ron Zimmering und Graffitimuseum

Künstlerische Leitung: Ron Zimmering, Graffitimuseum Regie Zukunftsmusik: Ron Zimmering Komposition: Samuel Penderbayne Regie Panels: Graffitimuseum Musikalische Leitung: Bruno Merse Dramaturgie: Christian Tschirner Bühne: Ute Radler Kostüme: Benjamin Burgunder Filmdokumentation: Wiktor Filip Gacparski Produktionsleitung: Elise Schobeß Orchester: Junge Symphoniker Hamburg Pianistin: Henriette Zahn

Am 24., 25. und 26.5. im SchauSpielHaus Produktionsfotos © Sinje Hasheider.